Letzte Frage

Letzte Frage im Juli

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, Wirtschaftsminister Möllemann trat einst zurück, weil er auf Ministeriums-Briefpapier für den Pfandchip seines Vetters geworben hatte. Bundespräsident Horst Köhler ließ das Amt sausen wegen eines unglücklich gestammelten Interviews, sein Nachfolger Wulff stolperte über ein Buggycar. Ich finde, früher war irgendwie mehr Rücktritt. Ob Oehme, Amthor, Weidel – warum ist der Rücktritt vom politischen Amt so aus der Mode gekommen?

Keine Bange, der Rücktritt kommt so schnell nicht aus der Mode. Ein schönes Beispiel ist der zügige Abgang des Thüringer FDP-Politprofis Thomas Kemmerich. Er blieb nur sagenhafte 25 Stunden offizieller Ministerpräsident. Nach dieser nervenaufreibenden Zeit musste der Ex-Landesvater unbedingt spazieren gehen – leider mit den falschen Leuten. In Gera verirrte er sich auf eine Demonstration gegen die pandemiebedingten Beschränkungen. Hier wurde Kemmerich in Gesellschaft von hunderten Teilnehmern gesehen, darunter AfD-Anhänger, Corona-Leugner, Impfgegner und Antisemiten. Das kam in der Öffentlichkeit und in seiner Partei gar nicht gut an. Einmal Geschmack am Rücktritt gefunden, gab er kurze Zeit später seinen Posten im FDP-Bundesvorstand auf.

Philipp Amthor, dieser unbedarfte Lausbub aus einfachen Verhältnissen, der dem Glamour geheimnisvoller Firmen erlag und auf falsche Freunde hörte, tritt immerhin von seiner Kandidatur für den CDU-Landesvorsitz in Mecklenburg-Vorpommern zurück. Apropos falsche Freunde, im coolen Freundeskreis des Unternehmens „Augustus Intelligience“ finden sich Rücktrittsprofis wie der große Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg und der peinliche Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Vielleicht zählt in diesem Männerbund ein gepflegtes Scheitern als Aufnahmekriterium.

In Chemnitz gab es zugegebenermaßen schon lange keinen spektakulären politischen Rücktritt mehr. Wer erinnert sich an CDU-Oberbürgermeister Dieter Noll? Er war in unserer Stadt Anfang der neunziger Jahre tätig und musste wegen Kompetenzüberschreitung und Korruptionsvorwürfen sein Amt niederlegen. Immerhin wurde in dessen kurzer Amtszeit, durch seine persönliche Intervention, der Abriss des Gebäudes der Harlaß-Gießerei verhindert, in dem sich heute das Industriemuseum befindet.

Keinerlei Nutzen hatte der Auftritt von Dieter Jörg List von Pro Chemnitz anlässlich eines Besuchs von Angela Merkel in unserer Heimatstadt. Er sorgte im Jahr 2018 für unfreiwillige Komik, als er die Bundeskanzlerin in der Hartmannhalle mit bebender Stimme öffentlich zum Rücktritt aufforderte. Vergebens, wie wir wissen, ist die Kanzlerin immer noch im Amt. Herr List trat übrigens später selbst zurück, vom Amt des Heimatzeitungs-Abonnenten. Nach 40(!) Jahren treuer Leserschaft erklärte er in einem eigens angefertigten Video seine Beweggründe und kippte dramatisch mehrere Säcke zerissener Zeitungsexemplare in das Foyer der „Freien Presse“. Die Zeitung konnte den Abo-Rückschlag verkraften, ob List Reinigungskosten in Rechnung gestellt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Herr Oehme und Frau Weidel wiederum sind Mitglieder einer Truppe, deren Parteisoldaten bei Verfehlungen ihrer Funktionsträger stets ein Auge zudrücken. Ob ultrarechte Verbindungen, Schmusen mit Diktatoren, Spendenaffären oder Postenschiebereien, die AFD ist moralisch ohnehin im Keller, hier sind Rücktritte überflüssig.

Grundsätzlich bin ich unbesorgt. Hochstapeleien, Bonus-Affären, Fehlgriffe, Betrug, Entgleisungen, Rücktritte und Rücktrittsforderungen werden uns auch in Zukunft begleiten und gut unterhalten.

Text: Jan Kummer Bild: Olaf Kosinsky (kosinsky.eu) Lizenz: CC BY-SA 3.0-de

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