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Tanz auf dem Sofa

Chemnitzer Clubs waehrend der Corona-Krise

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Der komplette Festivalsommer abgesagt, die 50. Pride-Parade in New York gecancelt, die Queen bekommt keine Salutschüsse zum 94. Geburtstag, jetzt auch noch die Wiesn…und die Corona-Auswirkungen wird auch die Veranstaltungsszene in Chemnitz noch sehr lange zu spüren haben.

Obwohl sich die Lage derzeit quasi wöchentlich ändert, wissen wir schon jetzt: Großveranstaltungen werden bis zum 31. August 2020 keine mehr stattfinden, in Berlin sogar bis Ende Oktober. Was das für die einzelnen Bundesländer bedeutet, ist aktuell noch nicht klar, denn den Umfang einer Großveranstaltung legen diese selbst fest. In Sachsen wird das voraussichtlich nicht vor dem 3. Mai passieren. Noch viel unklarer ist die Zeit danach – die Tendenz geht derzeit aber wohl leider eher in Richtung einer sehr langen, sehr zähen Livemusik-freien Zeit. Einem Bericht der New York Times zufolge sehen Spezialisten, zumindest für Amerika, kaum Chancen, dass größere Zusammenkünfte, also Konzerte, Sportveranstaltungen, Festivals vor Herbst 2021 stattfinden werden können. Natürlich sind diese Maßnahmen wichtig und vernünftig, für Angestellte der Kulturbranche - vom Booker über den Roadie, zur Musiker*in, Toningenieur*innen bis hin zur Barkraft, um nur einen minikleinen Teil zu nennen - ist das in ganz vielen Fällen jedoch existenzbedrohend.

Und während für die Wirtschaft bereits kräftig an Hilfspaketen geschnürt wird, kommt das Thema Hilfe für die freie Kulturszene derzeit nur schleppend in Gang. Von der einmaligen Soforthilfe des Bundes konnten längst nicht alle Kulturschaffenden profitieren, denn diese gelten nur für Betriebskosten. Die Stadt Dresden hat kurzfristig ein Sofortprogramm für Kleinstunternehmen, Freiberufler und Soloselbstständige ins Leben gerufen – von der Stadt Chemnitz gibt es in diese Richtung bisher noch keine Verlautbarungen.

Daher organisieren sich die Künstler*innen derzeit selbstständig kreativ, um, ganz Pro7-Vorabend-Werbeblockmäßig, #zusammenzuhalten und Corona irgendwie zu überleben. Unter dem Motto „wenn du nicht zu uns kommen kannst, kommen wir zu dir“ haben Berliner Sozialunternehmen wie OSTMOST, Quartiermeister, Solidrinks und Querfeld den Stay Home Club in Berlin ins Leben gerufen – und vereinen sich jetzt mit Chemnitzer Akteuren und Akteurinnen, dem Netzwerk der freien Szene, der Clubkultur sowie der Kultur- und Kreativwirtschaft unter dem Kulturbündnis „Hand in Hand“. Im dazugehörigen Onlineshop können ganz verschiedene Basics für die Isolation bestellt werden, alle angebotenen Produkte sind fair und nachhaltig. Neben alkoholfreien Getränken gibt es, ganz nah am Puls der Zeit, auch Toilettenpapier von Goldeimer. Das Angebot soll in den nächsten Wochen noch um Lebensmittel und Hygieneprodukte sowie regionale Güter erweitert werden. Jede Bestellung unterstützt mit 5 Euro eine Spendenaktion für die Spielstätten der Stadt.

Genau wie Leipzig und Jena, in denen sich bereits vor einigen Wochen Clubs gemeinsam organisierten, gibt es darüber hinaus auch in Chemnitz endlich ein Soli-Ticket zur Unterstützung von Initiativen und Clubs zu kaufen: Über die lokale Vorverkaufsstelle „Cityticket“ bekommt man diese für 15 oder 25 Euro, die Erlöse werden vom Kulturbündnis solidarisch je nach Bedarf weitergegeben. Auch eine Dankeschönfeier für alle Spender soll es geben – wenn das denn dann wieder möglich ist.

Tanz auf dem Sofa
Damit sich der engagierte Clubgänger während dieser Durststrecke nicht allzu sehr langweilt und zwischen Homeoffice, Kinder-Homeschooling und Kleiderschrankausmisten auch mal etwas anderes sieht, greifen auch immer mehr Clubs auf das Streaming ihrer Veranstaltungen über Plattformen wie Instagram, Twitch, Zoom und Co. zurück.  In Chemnitz befriedigt das Atomino schon seit Ende März die Bedürfnisse seiner Besucher*innen und streamt neben Partyformaten auch Formate wie Bingo und Zentraltalk über den hauseigenen Youtubekanal. „Wir sind ja jetzt der Fernsehsender, der früher mal ein Klub war“, berichtet Randy Fischer vom Atomino aus seinem aktuellen Alltag. Wie sieht der aus bei einem Booker ohne Club? „Eigentlich im Grunde fast so wie sonst auch: Konzerte planen für den Herbst, Büroarbeit und am Wochenende die Kommentare auf Youtube verfolgen.“ Auch der Fuchsbau und das Nullneuneins entertainen regelmäßig die Daheimgebliebenen direkt auf ihren Sofas.

Einen anderen Weg geht derweil das Transit, dort wurde (bis auf eine Ausnahme in Kooperation mit United We Stream) auf das Streaming verzichtet. „Bisher lag unser Fokus auf anderen Dingen und wir sehen die Zukunft der Clubs nicht im Internet, schließlich wollen wir ja Privatsphäre fördern und einfach mal abschalten“, erklärt Christian Knaack vom transit zu den Beweggründen. Dem Club im Südbahnhof kann man stattdessen seit vergangener Woche mittels Start Next seine Unterstützung zukommen lassen. Als Gegenleistung für eine Zahlung kann man aus verschiedenen Dankeschöns auswählen: Vom T-Shirt, über Mundschutz bis zum Aschenbecher mit transit-Branding oder einer Patenschaft für eine Toilette im Transitkeller für die ganz Harten. Besonders schick: Die selbstgenähten Tabaktaschen, hergestellt aus alten Programmbannern, die sonst vor dem Club über das bevorstehende Programm informieren. Und auch das größte Spendenpaket für 1.500 Euro ist aktuell noch zu haben und könnte interessant sein für all diejenigen, die jetzt ihre runden Geburtstagspartys verschieben mussten: Eine Party zum Freitagabend für dich und 99 deiner Freunde.

Die anvisierten 10.000 Euro sollen dann vor allem für die Personalkosten der festangestellten und auch freien Mitarbeiter genutzt werden, aber auch andere laufende Fixkosten abdecken. Die Summe sichert 4 Angestellte, Kredittilgung und Fixkosten für 3 Monate. Alle Spendeneinnahmen darüber hinaus fließen in den Ausbau von Halle und Außenbereich – beides Projekte, die derzeit aufgrund von Corona leider brach liegen.

Text: Lisa Kühnert Foto: Bela Bender

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