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Soziale Skulptur im Heckert

Das Kunstfestival Begehungen sucht Lebens-Entwürfnisse

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Verlassene Kaufhalle

Mitte August findet zum 17. Mal das Kunstfestival Begehungen statt, diesmal unter dem Titelthema „Entwürfnisse: Ring 8“. Was es mit diesem kryptischen Titel auf sich hat und wie man ein Festival unter Pandemiebedingungen vorbereitet und durchführt wollten wir von der Begehungen-Crew erfahren.

Die Festivalvorbereitung fiel genau auf den Pandemie-Zeitraum, der ja bis heute anhält. Wie hat das eure Arbeit beeinflusst?
Mit Beginn der Ausgangssperren haben wir unsere Orgatreffen auf Telefonkonferenzen umgestellt. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Meist waren mehr Leute anwesend als sonst. Wir haben das bis jetzt beibehalten, also diese kontaktlose Vorbereitung. Ansonsten haben wir viel Zeit damit verbracht, Corona-Ausnahmen zu debattieren und vorzubereiten. Vieles davon war sehr sinnvoll, manches ist von der Zeit überholt worden.

Habt ihr jemals an eine Absage gedacht?
Nicht wirklich. Mitte/Ende März, als die Ausgangsbeschränkungen noch ganz frisch waren, wurden wir unsicher, weil wir unsere Ausschreibung an die Künstler und Künstlerinnen rausschicken mussten. Wir mussten also schon früh eine Entscheidung treffen. Dabei war es sicher eine Entscheidungshilfe, dass Supermärkte zu diesem Zeitpunkt geöffnet waren und wir eine ehemalige Kaufhalle bespielen wollten. Wenn das geht, geht auch unser Festival, so unsere Meinung. Aber natürlich war da viel Zweckoptimismus dabei. Man muss aber auch sagen, dass ein frühes Gespräch mit dem Kulturbürgermeister Ralph Burghardt uns zuversichtlich gestimmt hat. Er hat uns sehr unterstützt.

Wie war die Reaktion den Adressaten der Ausschreibung?
Klar hatten wir Bedenken, dass sich diesmal nur wenige Künstler und Künstlerinnen bewerben. Die letzten Jahren waren immer über 300 Bewerbungen an uns geschickt worden, gut die Hälfte davon aus dem Ausland. Die Ausschreibung startete diesmal Anfang April und lief bis Mitte Mai. Am Anfang erreichten uns tatsächlich sehr wenige Bewerbungen, aber ab Anfang Mai rollte dann die Lawine. Am Ende waren es doch wieder über 300. Erstaunlich viele aus dem Ausland.

Aber da war doch eher klar, dass diese ein­reisen können.
Das ist richtig. Aber es gibt bei jeden Begehungen zwei Möglichkeiten der Beteiligung: Entweder als Residenzkünstler*in, die mit einem 4-wöchigen Aufenthalt in Chemnitz verbunden ist, oder als Einsendung. Da bewirbt man sich mit einem einzelnen Kunstwerk, das bei Auswahl dann an uns geschickt wird. Letzteres wäre ja jederzeit möglich gewesen. Bei den Residenzen wollten wir nicht von vornherein Menschen aus bestimmten Ländern ausschließen. Außerdem kamen in den letzten Jahren zahlreiche Einreichungen von ausländischen Künstlern oder Künstlerinnen, die ihren Lebensmittelpunkt aber in Berlin, Leipzig oder Wien haben. Das sind nun mal Zentren der Kunstproduktion. Aber wir haben für diesen Fall noch eine weitere Idee geboren: Die Remote Residency. Das ist quasi unsere Corona-Innovation.

Okay, und was verbirgt sich dahinter?
Einfach gesagt: Der oder die Künstler*in arbeitet von einem Residenzort in seiner Heimat aus, das Werk wird bei den Begehungen aber real ausgestellt. Wir haben dazu befreundete Kuratoren in Manchester und Ljubljana eingebunden, die ihrerseits uns dann jeweils eine/n Künstler*in aus ihrer Stadt vorgeschlagen haben. Nun freuen wir uns auf Lizz Brady und Danilo Milovanovic. Beide produzieren also eigens ein Werk für unser Festival, natürlich, wie alle Residenzler*innen, im Zusammenhang mit dem Thema „Entwürfnisse“.

Apropos „Entwürfnisse“: Wie ist das Thema zu verstehen?
Darauf kann sich natürlich erstmal jeder und jede selbst einen Reim machen. Für uns steht dieses Kunstwort stellvertretend dafür, dass die großen Lebenspläne meist nicht funktionieren und das liegt selten an uns selber. Wir sind nunmal keine isolierten Wesen. Die Auswirkungen der Coronapandemie haben das sehr anschaulich gemacht. Unser Festivalort erzählt genau ein solches „Entwürfnis“: Weite Teile des Gebiets, in dem das Festival stattfindet, wurden erst 1989 fertiggestellt und zehn Jahre später wieder abgerissen, weil keiner mehr dort wohnen wollte. Eigentlich erstaunlich, denn man wohnt da recht idyllisch, mit sehr viel Grün und Blick ins Erzgebirge.

Es geht also auch um das Hinterfragen von Stadtplanung?
Ja, auch. Chemnitz ist mit seinen stadtplanerischen Kehrtwenden der letzten 120 Jahren ein realexistierendes Entwürfnis. Diesen Aspekt werden wir mit Stadtplaner*innen und Architekt*innen diskutieren. Die Künstler und Künstlerinnen in der Ausstellung und im Festivalprogramm thematisieren dagegen eher individuelle Erfahrungen.

Ihr hattet angekündigt, diesmal ein deutlich kleineres Festivalprogramm zu fahren. Wie wird das aussehen?
Ganz so abspecken müssen wir nun doch nicht. Es gibt gute und klare Regeln für solche Veranstaltungen und wir haben genug Platz im Außengelände, um diesen Regeln gerecht zu werden. Das Rahmenprogramm findet komplett Open Air statt, es gibt spannende Performances, Lesungen, Gesprächsrunden, die das Festivalthema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, und sogar Konzerte. Aber wir haben beim Booking strikt darauf geachtet, dass es keine Tanzmusik ist, denn tanzen ist ja tatsächlich verboten. Deshalb mussten wir auch Abstriche machen. Unseren Wunsch, Trettmann, der aus dem Heckert kommt, auf dem Dach unseres Festivalzentrums auftreten zu lassen, mussten wir fallenlassen. Das geht nicht mit Abstand und ohne tanzen.

Welche Regeln müssen die Besucher und Besucherinnen beachten?
Das sind die üblichen Regeln, die auch bspw. für den Besuch der Kunstsammlungen gelten. 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen halten, Mundschutz tragen, usw. Es gibt keine Türen, die man anfassen müsste, wir sorgen für eine gute Durchlüftung der Räume, um böse Aerosolwolken gar nicht erst entstehen zu lassen. Die größte Herausforderung wird werden, die klassischen Stoßzeiten, also Samstag- und Sonntagnachmittag aufzufangen. Daher generell die Bitte an unser Publikum, nicht unbedingt genau da anzureisen. Wir installieren übrigens auf unserer Website eine Ampel. Wenn die auf Grün steht, kann man problemlos kommen, bei Rot sollte man einfach mal noch zwei Stunden warten.

Werden aber trotzdem viele machen?
Richtig, aber da haben wir den Plan, die Men­schen klug zu verteilen. Erstmal liegen zwischen den beiden Festivalorten, der alten Kaufhalle und dem leeren Plattenbau, gut 500 Meter Weg. Darüber hinaus ist unser Außengelände groß. Und dann bieten wir genau in dieser Zeit verstärkt Rundgänge durch das Wohngebiet an. Der Autor Norbert Engst wird uns dabei unterstützen genau wie das Institut für Ostmoderne.

Wie viele Besucher und Besucherinnen erwartet ihr?
Eigentlich sind uns Besucherzahlen nicht wichtig. Normalerweise freuen wir uns einfach, wenn es voll ist. Diesmal hoffen wir, dass sich die Besuchergruppen gut verteilen. Am meisten freuen wir uns glaube ich, wenn Anwohner und Anwohnerinnen reichlich den Weg zu uns finden. Das wird dann spannend. Die Begehungen sind ja immer auch so eine Art soziale Skulptur, um am Ende auch noch mal Joseph Beuys ins Spiel zu bringen.

Anmerkung: Das Interview entstand per E-Mail und enthält daher keine alleinig antwortende Person.
Fotos: Johannes Richter


Der Festivalort

Die größte Plattenbausiedlung von Chemnitz wird die Kulisse für die diesjährigen „Begehungen“ sein. Als Wohngebiet „Fritz Heckert“ – umgangssprachlich auch Heckertgebiet – wurde es ab 1972 in Karl-Marx-Stadt erbaut. Es erstreckte sich über die drei Stadtteile Kappel, Helbersdorf und Markersdorf und war mit knapp 90.000 Einwohnern die drittgrößte Plattenbausiedlung der DDR. Unterteilt war es in die neun Baugebiete 0 bis VIII. Letzteres entstand in den 1980er-Jahren. Dessen zweiter Teilabschnitt war einer der letzten Atemzüge des DDR-Wohnungsbaus. Zu den erst kurz vor der Wende fertig gestellten Gebäuden gehörte das Einkaufszentrum an der Straßenbahn-Endhaltestelle Hutholz. Die mittlerweile seit Jahren verlassene Kaufhalle wird das Zentrum unseres diesjährigen Festivals sein.

Zunächst ein kleiner Exkurs in die Geschichte der ostdeutschen Plattenbaugebiete: Mit der Formalismusdebatte zu Beginn der 1950er- Jahre wurden die Errungenschaften des Bauhauses in Kunst und Architektur abgelehnt. Die Neubauten orientierten sich in der DDR am „sozialistischen Realismus“, der heute unter anderem noch an der Karl-Marx-Allee (ehemals Stalinallee) in Berlin Mitte und Friedrichshain zu finden ist.

Bereits ab Mitte der 50er-Jahre wurde zunehmend – vor allem aus ökonomischen Gesichtspunkten – die Industrialisierung des Wohnungsbaus gefordert. Man besann sich zunehmend auf die Ideen des Modernen Bauens, was schließlich darin gipfelte, dass 1971 die Beseitigung des Wohnungsproblems bis 1990 als Staatsziel formuliert wurde. Damit begann – begründet mit den Prinzipien des Bauhauses – die großflächige Planung der Plattenbaugebiete. Im Zuge dieses Masterplans entstand auch das Wohngebiet „Fritz Heckert“ in Karl- Marx-Stadt (heute: Chemnitz).

Das Festivalzentrum – eine ehemalige Kaufhalle – liegt im letzten Teilabschnitt, der erst kurz vor der Wende fertig gestellt worden ist. Die Kaufhalle selbst ist ein Produkt des volkseigenen Wohnungsbaukombinats „Wilhelm Pieck“ Karl-Marx-Stadt. Hier wurden neben den verschiedenen Typenbauten für Wohngebäude auch die Sonderbauten wie Versorgungszentren, Schwimmhallen und eben auch Kaufhallen geplant und landesweit nach gleichem Muster gebaut. Die Kaufhalle war eines der letzten Gebäude, die im Wohngebiet „Fritz Heckert“ fertig gestellt worden ist. Sie eröffnete 1989 und diente als Nahversorgungszentrum.

Mit dem gesellschaftlichen Umbruch in der DDR verloren die Plattenbaugebiete in der gesamten DDR an Attraktivität, zusätzlich gab es einen erheblichen Bevölkerungsrückgang durch Abwanderung. Die Folge war ein hoher Leerstand in diesen Siedlungen. Ende der 1990er-Jahre begann ein großflächiger Rück- und Umbau des Wohngebietes. Es wurden ganze Häuserzeilen abgerissen oder auch Gebäude um einige Etagen gekürzt. Insgesamt wurde das ehemalige Fritz Heckert Gebiet (gemessen an den Wohneinheiten) bis 2009 um rund ein Drittel „verkleinert“.

Der Umbau und die Umstrukturierung sind im direkten Umfeld des Festivalzentrums gut sichtbar. Die Nachbarschaft rings um die Kaufhalle teilen sich sanierte und unsanierte Plattenbauten mit ganz jungen Neubauten der vergangenen Jahre und den freien Feldern am Rande von Chemnitz. In diesem Spannungsfeld richten wir das diesjährige Festival aus. (MD)


Die Künstler und Künstlerinnen 2020

Ausstellung
Christoph Mügge (Malmö)
Lena Kemmler (Berlin)
Jonathan McNaugton (Leipzig)
Sven Bergelt & Kai-Hendrik Windeler (Leipzig)
Operation Himmelblick (Berlin)
Juliane Meckert & Nadja Hoppe (Berlin/Leipzig)
Boohri Park (Dresden)
Yiannis Pappas (Berlin)
Jana Mertens (Leipzig)
Thomas Georg Blank & IŞIK KAYA (San Diego)
Michael Heindl (Wien)
Andrea Ziegler (Hamburg)
Adam Knight (London)
Anne Arndt (Köln)
Christian Krieter (München)
Valeria Drotskaja (Leipzig)
Frenzy Hoehne ( Leipzig)
Theresa Hattinger (Wien)
Constanze Klar (Braunschweig)
Florian Schurz (Leipzig)
Arijit Bhattacharyya (Weimar)
Lizz Brady (Manchester)
Danilo Milovanovic (Ljubljana)

im Festivalprogramm (u.a.)
Dominik Intelmann & Moritz Bachmann (Hutholz/Schweiz)
Carolin Krahl (Leipzig)
Gudrun Gut (Berlin)
(Das genaue Festivalprogramm wird ab Mitte Juli online einsehbar sein)

Begehungen No. 17, 13. - 16. August, ehem. Kaufhalle Walter-Ranft-Straße 79 und Wohnblock Friedrich-Viertel-Straße 48-52, www.begehungen-chemnitz.de

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