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American Dream

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Jean Schmiedel mit einigen seiner Bilder

Jean Schmiedel lebte über 30 Jahre ein prekäres Künstlerleben, als Außenseiter, als bunter Vogel in der nicht gerade bunten Chemnitzer Künstlerszene. Es gab Monate, da wusste er nicht, wie er seine Miete zahlen sollte oder beglich Schulden mit seinen Bildern. Ab und zu saß er auch im Gefängnis.

Doch das liegt alles hinter ihm. Heute lebt er seinen „American Dream“. Der New Yorker Galerist Georges Bergés entdeckte den Chemnitzer vor zwei Jahren via Facebook und machte ihn am Big Apple zu einer angesagten Nummer im Kunstbetrieb. „Er wird einer der wichtigsten Künstler werden. Das ist erst der Anfang. Seine Bilder werden Millionen wert sein“, schwärmte der Galerist bei einem Besuch in Chemnitz. Paula Thomsen traf den Künstler vor einigen Wochen in seinem Atelier auf der Palmstraße und unterhielt sich mit ihm über sein Leben, seine Kunst und wie es ihm heute ergeht.

Paula: Wie geht es dir?
Jean: Mir geht es sehr gut. Jeden Morgen, wenn ich mit meinem Kaffee auf dem Balkon sitze, begreife ich, wie gut ich es habe und wie glücklich ich bin. Deine Bilder wirken auf mich böse und düster.

Warum?
Naja. Schwarz ist erstmal ein sehr ausdrucksstarke Farbe. Und ich denke, wenn ich meine Bilder auf wenige Farben beschränke, haben die mehr Kraft als wenn ich jetzt bunte Sachen male. Das würde auch nicht zu den Bildern passen. Zu viele Farben lenken dann von der Figur ab und von dem, was ich erreichen will. Ich will es kraftvoll.

Ich gucke mir gerne Filme über Serientäter, über Psychologie und solche Sachen an. Ich frage mich, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht. Dieses Verhalten in Extremsituationen will ich darstellen. Deshalb male ich ja auch Bettler, Prostituierte, Alkoholiker und solche Menschen. Ich hatte eine schwierige Kindheit und war emotional allein. Ich war schüchtern, ängstlich und verletzlich. Genau das symbolisieren meine Figuren.

Dein Galerist bezeichnete deine Kunst als bewegend und nicht-dekorativ. Unterschreibst du das so?
Ja. Meine Bilder kauft sich keiner, um sie sich übers Sofa zu hängen. Darum geht es mir auch überhaupt nicht. Ich mache nur Sachen, die mich interessieren. Ich bin kein Dekorateur, sondern Künstler.

Wie kam der Kontakt zu Georges Bergés zu Stande?
Das Komische ist, dass er mich über Facebook mit der Frage kontaktiere, ob ich schon einen Vertreter meiner Kunst in den USA hätte. Ich habe mir erst gedacht: Was ist das denn für ein Witzbold? Mir schreiben nämlich oft irgendwelche
Spinner bei Facebook, dass sie Künstlermanager seien, die mich berühmt machen wollen, aber keine Galerie besitzen und noch nie jemanden zum Erfolg verholfen haben. Ich habe dann mit meinem Buchhalter mal den Namen des Galeristen gegoogelt und festgestellt, dass er direkt am Broadway seine Galerie hat. Also die beste Lage in New York.

Kurz darauf warst du dann auch das erste Mal in New York? Wie erging es dir in der Zeit?
Als ich mit meinem Galerist in Manhattan frühstücken war, sagte ich zu ihm: Ich kann das alles gar nicht glauben, dass wir hier in New York, in Manhattan frühstücken. Früher war die Stadt für mich wie ein anderer Planet. Nicht mal als
Tourist, dachte ich, würde ich dahin kommen. Davon abgesehen hat mich die USA eigentlich nie wirklich interessiert, aber eher politisch. Die Leute dort sind wirklich fantastisch und herzlich gewesen. Alle die ich dort kennengelernt habe, waren wirklich sehr nett zu mir. Ich wollte dann gar nicht wieder zurück nach Chemnitz. Ich habe mich gefragt, was ich denn noch in Chemnitz will. Es gibt Nachmittage, an denen ich nicht weiß, was ich unternehmen soll, denn hier gibt
es nicht viel was mich interessiert und inspiriert.

Was hält dich dann noch hier?
Es war immer nur eine kleine Hand voll Leute, die meine Bilder kauften. Ich war froh, wenn ich am Monatsende die Miete zahlen konnte für meine Wohnung und mein kleines Atelier. Und dann stehst du auf einmal da und den ganzen Tag klingelt das Telefon. Jeden Tag kommen Leute vorbei und wollen sich meine Kunst anschauen und das macht natürlich viel Spaß. Ich bin in eine viel größere Wohnung gezogen, habe meine Fabrikhalle gegenüber. Mir geht es hier gut und es ist schön zu sehen, was man geschafft hat. Ich lebe schon immer hier und kenne die Leute. Ich habe mir einfach über die ganzen letzten Jahre etwas aufgebaut und das will ich jetzt nicht abreisen. Außerdem wüsste ich gar nicht, wohin mit den ganzen Bildern.

Wie kam es, dass du so schnell eine Einzelausstellung am Broadway hattest?
Eigentlich muss man mindestens ein Jahr oder länger unter Vertrag sein, um eine Soloausstellung zu bekommen. Es muss sich ja erstmal zeigen, wie die Bilder bei den Galeriebesuchern ankommen. Eine Einzelausstellung kostet die Galerie sehr viel Geld und da muss es sich auch lohnen. Normalerweise hätte ich noch ein dreiviertel Jahr warten müssen, aber es gab Leute, die extra aus anderen Bundesstaaten angeflogen sind, um meine Bilder zu sehen. Am Ende der  Gruppenausstellung im Sommer waren alle meine Bilder verkauft. Deswegen bekam ich so schnell eine Soloausstellung.

Wie sieht mittlerweile der Kontakt zu internationalen Künstler, Galeristen, Kunstbesitzern aus? Gibt es schon Pläne für Zusammenarbeiten?
Es gibt Galeristen, die meine Arbeiten sehr mögen. Zwei Galerien in Wien zum Beispiel. Gerade kommt der Kontakt zu einem arabischen Galeristen zu Stande, der in Istanbul eine riesige Galerie besitzt. Ich würde ihn gerne mal besuchen. Normalerweise vertritt er nur arabische Künstler, aber bei etwas Glück werde ich ja vielleicht der erste nicht-arabische Künstler, der bei ihm ausstellt, denn er ist verrückt nach meinen Bildern.

Was kostet denn ein Jean Schmiedel jetzt?
Die Preise für meine Bilder sind sehr gestiegen, selbst kleine Bilder fangen nun im vierstelligen Preisrahmen an. Aber über genaue Preis redet man nicht in der Zeitung.

Wie fühlt es sich an, auf einmal Erfolg zu haben?
Ich wurde jetzt schon öfter gefragt, wie es sich anfühlt, jetzt so erfolgreich zu sein. Aber ich habe mich ja nicht verändert. Ich bin immer noch der gleiche Mensch, ich fahre immer noch genau so Fahrrad und quatsche mit den Leuten. Ich freue mich natürlich riesig darüber, dass ältere Damen vor der Sachsen-Allee stehen mit einer Mappe voller  Zeitungsausschnitte von mir und ein Autogram wollen oder dass die Verkäuferin bei Ikea mich erkennt und es nicht glauben kann, dass ich gerade vor ihr stehe. Das alles ist total geil.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?
Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Ich würde gerne ans Mittelmeer, nach Spanien. Ich kenne die Szene auf Mallorca, spreche ein bisschen spanisch. Mir gefällt das Klima sehr gut, da hast du auch im Januar schon mal geiles Wetter. Ich
will in Spanien ein Haus mieten ab diesem oder nächstem Jahr. Ich könnte einige meiner Bilder mit runternehmen und mit Galeristen vor Ort in Kontakt treten. Wenn das gut anläuft, könnte ich mir vorstellen, noch mehr Bilder mit zu nehmen und eine eigene Galerie zu mieten. Durch eine befreundete Familie, die dort Hotels besitzt, habe ich die Kontakte zu reichen Leuten, die große Häuser besitzen und gerne Bilder von mir hätten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Text: Paula Thomsen Fotos: Nina Thomsen

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