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Endlich dicht!

Warum der Chemnitzer Kaufhof schließen sollte. Eine Meinung.

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Illustration Galeria Kaufhof Chemnitz mit Eisberg daneben

Update: Die Galeria Kaufhof ist mittlerweile "gerettet". Die Gläubiger verzichten auf 2 Milliarden Euro, es kan also erstmal weitergehen, so auch in Chemnitz. Da der Text unseres Autors diese Möglichkeit aber bereits einschließt, bleibt er inhaltlich durchaus aktuell (2.7.2020).

Die Galeria Kaufhof will schließen. Der sächsische Ministerpräsident, der Wirtschaftsminister und die Oberbürgermeisterin fordern den Erhalt der Chemnitzer Filiale. Eine Menschenkette wurde demonstrativ um das Haus gebildet. Dabei ist die Kaufhof- Schließung die vielleicht größte Entwicklungschance für die Chemnitzer Innenstadt seit langem.

Meine Schwiegermutter ist eine sehr ordentliche Frau mit Mode-Geschmack und Sinn für wertige Ware. Sie kauft WMF-Töpfe und „Markenkleidung“. Seit einigen Jahren ist sie im Ruhestand und genießt es, gemütlich durch die Galeria Kaufhof zu schlendern. Sie liebt dieses Kaufhaus. Hin und wieder steckt sie uns ein Rabattkärtchen zu, 20 % auf alles (Tiernahrung gibt es im Kaufhof nicht). In unserem Küchenschrank stapeln sich diese Kärtchen. Ich wüsste nicht, was ich davon kaufen sollte. Im Kaufhof. Meine Schiegermutter ist die einzige Person, die ich kenne, die dieses Kaufhaus vermissen wird. Wobei, und das habe ich ihr letzthin gesagt, vielleicht muss sie ja gar nicht darauf verzichten. Vielleicht, liebe Schwiemu, wird alles bald viel, viel besser.

Zunächst ist es natürlich sehr unwichtig, ob ich oder andere das Kaufhaus-Konzept für überholt halten. Auch das Kaufverhalten meiner Schwiegermutter ist nicht repräsentativ. Es geht also nicht darum, ob man Kaufhof gut und schlecht findet, es geht darum, dass die Galeria Kaufhof in Chemnitz schließt. Florierende Läden schließen für gewöhnlich nicht für immer ihre automatischen Türen. Die Schließung der Chemnitzer Filiale des Unternehmens Galeria Karstadt-Kaufhof ist das Ergebnis schlecht laufender Geschäfte des Gesamtkonzerns, der übrigens Teil der österreichischen Signa Unternehmensgruppe ist. Die Geschäfte laufen nicht erst seit „Corona“ schlecht, erst im letzten Jahr fusionierten die letzten beiden Kaufhaus- Konzerne Karstadt und Kaufhof. Karstadt war schon vor zehn Jahren pleite und ist nur aufgrund des Verkaufs ihrer Immobilien weiter am Leben erhalten worden. Auch bei Kaufhof lief es schon seit Jahren nicht mehr rund.

Das ist wie bei der Titanic, nur dass seit Jahren alle schreien „Pass auf, da vorn kommt ein Eisberg!“.

Bis 2022 rechnet der Konzern mit einem Minus von bis zu 1,4 Milliarden Euro. Mittlerweile befindet sich das Unternehmen in einem sogenannten Schutzschirmverfahren, quasi die Vorstufe zur Insolvenz. Sieht so ein potenter, innovativer Player aus? Ist es verantwortungsbewusst gegenüber den zahlreichen Einzelhändlern, gerade den ohne Konzernbindung, dieses halbtote Pferd weiter vor den Karren der Innenstadtentwicklung spannen zu wollen? Never ride a dead horse. Die Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig beschrieb, dass ihr gegenüber die Kaufhof-Vertreter immer gemeint hätten, dass Chemnitzer Haus befände sich in der Umsatzmitte aller Häuser in Deutschland. Das beruhigte Frau Ludwig offensichtlich. Barbara, Umsatzmitte aller Kaufhof-Häuser bedeutet Mitte von Scheiße!

Das ist wie bei der Titanic, nur dass seit Jahren alle schreien: „Pass auf, da vorn kommt ein Eisberg!“. Karstadt-Kaufhof ist dem Untergang geweiht. Warum das so ist, dass kann man seit zehn Jahren und länger in jedem Wirtschaftsteil seriöser Zeitungen nachlesen. Oder man geht mal rein und genießt die schläfrige Stimmung in so einem Kaufhaus (vielleicht sollte man Eintritt verlangen und vorne ranschreiben: Museum für Einkaufskultur. Untertitel: Erleben Sie, wie man im 20. Jahrhundert einkaufte.). Selbst wenn wider Erwarten die Schließung doch noch abgewendet wird: Es wird nicht mehr besser. Karstadt-Kaufhof wird nicht glorreich wieder auferstehen. Und je länger das Siechtum dauert, desto länger leidet auch die Chemnitzer Innenstadt.

Schleift die Entwicklung der Innenstadt als Shoppingareal nicht trotz sondern wegen des Kaufhofs?

Und jetzt kommen wir zur entscheidenden Frage: Welche „Frequenz“ erzeugt so ein Innenstadt- Kauhof? Von den 68.000 Quadratmetern Einzelhandelsfläche in der Chemnitzer Innenstadt entfallen allein 20.000 auf den Kaufhof. Das ist fast ein Drittel. Hat irgendjemand mal den Gedanke gewälzt, dass die Entwicklung der Innenstadt als Shoppingareal nicht trotz, sondern wegen des Kaufhofs seit 20 Jahren so schleift? Ich wage zu behaupten, dass der Kaufhof mit seinem antiquierten Konzept und dem putzigem Sortiment weit mehr von den Geschäften drumherum profitiert als umgedreht. Immer wieder haben sich in den letzten Jahren namhafte Marken aus der Innenstadt verabschiedet. Wären sie geblieben, weil der zentrale Platz der Stadt mit einem attraktiven Branchenmix und zeitgemäßen Läden belegt gewesen wäre? Kommen Zara und Co. vielleicht sogar zurück, wenn sie gemeinsam mit anderen zugkräftigen Marken die 1A-Lage haben können?

Und genau deshalb ist es gar nicht so schlau, jetzt Aktionismus an den Tag zu legen und der Signa-Holding zum Einlenken aufzufordern. Wenn der Kaufhof sich verabschiedet, wird die Eigentümerin der Immobilie, die Frankfurter DIC Asset AG sich schon was einfallen lassen. Der Adressat für intensive Gespräche bezüglich wünschenswertem Branchenmix, Laufwegen und der Entwicklung der Innenstadt allgemein heißt folglich nicht Signa, sondern DIC Asset.

Sicher wird in Zukunft kein Einkaufen auf fünf Etagen mehr möglich sein. Muss auch nicht, ist halt oben noch ne Fitnessbude drin. Läuft doch in Chemnitz. Unten jedoch, im Erdgeschoss und in der ersten Etage, entstehen Läden, die mehr Menschen gern mögen. Ich würde das ganze Neumarkt- Galerie nennen. Ein Einkaufszentrum. Die Idee klingt so einfach, so plausibel, so nah. Und ich glaube, dass in so einem Einkaufszentrum auch mehr als 140 Mitarbeiter*innen beschäftigt sind. So viele Menschen sehen in der Galeria Kaufhof nämlich gerade ihrer Kündigung entgegen.

Klar. Es kann auch anders kommen. Kaufhof macht dicht und in den nächsten Jahren dient die Glasfassade nur noch zum Wildplakatieren, innen wird es einmal im Jahr für so Kunstgedöns genutzt. Durch die Innenstadt rollen Wüstenteufel, nur der Schlüpfermarkt sorgt noch für Stimmung. Stimmt - ich hab keine Ahnung. Vielleicht sollte ich mal meine Schwiegermutter fragen. Apropos: Meine Schwiegermutter hat auch immer einen neuwertigen Laptop auf dem Esstisch stehen. Sie geht damit häufig shoppen. Ihr letztes WMF-Topfset hat sie online gekauft.

Text: Lars Neuenfeld Grafik: Christian Selent

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