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Lebloses Live

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Gabi Reinhardt macht Theater. Ihr fehlt bei gestreamter Kunst der „Zauber“

In Potsdam, Zürich oder Hamburg – um nur einige zu nennen – kann man den künstlerischen Umgang mit den so genannten Neuen Medien studieren, mit dem Digitalen, mit Knowledge Visualization. Manch eine*r mag sich fragen, wozu das gut ist. Nun ja, Corona gibt auch hier Antwort. Der bloße Besitz eines Smartphones mag als Statussymbol funktionieren, als unausweichlicher Mindeststandard in der Lebenswelt junger Menschen. Es qualifiziert jedoch nicht dazu, Inhalte versiert digital umzusetzen. Der Aktionismus der ersten Corona-Wochen hat zwei verschiedene Auswüchse in der Kultur hervorgebracht. Erstens: vorher oft nicht genutzte Instagram-Accounts sind randvoll gefüllt mit „künstlerischen“ Couch-Tagebüchern – die ich ab hier ignoriere, weil es über schlechten Dilettantismus auch nicht allzu viel zu sagen gibt. Zweitens: Eine Schwemme von zum Stream bereit gestellten Events, die ohne Publikum stattfanden.

Es ist ein Dilemma. Alle, die live Kunst und Kultur produzieren, sind schwer getroffen von diesem Corona. Aus Angst nicht mehr wahrgenommen zu werden, verfallen viele einem blinden Aktionismus und verkaufen sich digital. Wobei verkaufen nicht gleich Geld einnehmen bedeutet. Es ist der Versuch eine Krise zu überstehen, eine Krise, von der wir nicht wissen, wie lange sie dauern wird. Jedoch: Ein digitaler Kultur-Stream ist ungefähr so, wie wenn ich mich mit einem Glas Rotwein vor Zoom setze und mich „dort“ mit meinen Freundinnen treffe. Kann man mal machen. „Huu, ist das schön.“ Kichern. Aber noch nicht einmal das Klingen der Gläser hört man.

Da ich normalerweise eher analog durchs Leben gehe und daher vielleicht auch ungerecht urteile, habe ich mit Menschen gesprochen, die sich damit auskennen: „Es ist eine Flut. Unkontrollierbar und viel zu viel.“ „Gut gemeint, ist nicht gut gemacht.“ „Sorry, aber ich schau mir daheim keine vier Stunden DJ-Set an.“

Die Stadt Chemnitz hat das sehr unbürokratische und schnelle Soforthilfeprogramm „Kultur.Sichtbar“ für Chemnitzer Künstler*innen und Initiativen aufgelegt. Gefördert werden Maßnahmen um „in der Krise sicht- und hörbar zu bleiben“. Es wurden erquickende Übersetzungen gefunden. Bei „Please hold the line“ beispielsweise bekommt man ab dem 08. Juni bei Anruf: Kultur! Musik, Hörstücke, Prosa ertönen, wenn man die richtige Nummer wählt (siehe FB Klub Solitaer). Andere Anträge aber beschränken sich darauf, bereits vorher bestehende Formate abzufilmen und live oder on demand online zu stellen. Eine digitale Strategie für das eigene Unternehmen – und sei es ein Kunstbetrieb – ist etwas anderes! Denn Konzerte, Talkformate, Theateraufführungen, Bingo, DJane-Sets, ganze Festivals sind in ihrem Wesen Live-Acts. Sie verlieren in meinen Augen auf dem Bildschirm ihren Zauber.

Kultur bedeutet für mich, als Theatermacherin und Kulturpublikum, gemeinsam mit anderen Zeit und Raum zu teilen. Kein Stream – sei er noch so live – kann mir den Moment ersetzen mit einem kühlen Bier in der Hand mich eng an eng mit den anderen Fans der Band im gleichen Rhythmus zu wiegen. Oder den Moment mit Menschen, die ich nicht kenne, im dunklen Theaterraum ergriffen zu sein von der Energie, die mir von den Spielenden auf der Bühne entgegenfließt und mich im Anschluss mit den nicht mehr so fremden Menschen darüber auszutauschen. Den erfrischenden Moment gemeinsam mit anderen über die live gelesenen, satirischen Texte eines – ich nenne keine Namen – lokalen Blogs zu lachen. Das macht Kultur für mich aus. In diesem Sinne sollten wir uns, wenn die gesellschaftliche Situation es wieder erlaubt, viel öfter in diesen Live-Momenten in der Chemnitzer Kulturszene treffen. Kultur in Zeiten von Corona lehrt uns vielleicht auch, welchen Zauber wir oft verpasst haben, als wir nicht live da waren.

Keine Frage: Der Versuch flexibel zu reagieren und Lösungen zu finden, sich in diesem neuen digitalen Feld auszuprobieren, ist lobenswert – denn er ist das Gegenteil von Jammern. Und dieses Agieren ist vor allem wichtig für die Machenden, um aktiv zu bleiben. Doch was macht die Live-Künste, die Clubs, selbst die Bars in Zeiten wie diesen aus? Wie soll, wie kann die Kultur mit diesem – ihrem Wesen nach unvereinbarem – Zustand umgehen?

Ich bin bereit zu warten: als aktive Akteurin und als Teil des Publikums. Egal wie lange es dauern wird, ich werde wieder Theater machen mit einer Gruppe, die sich in echt sehen und berühren darf. Ich werde wieder im Publikum sitzen und das Schmunzeln meines Sitznachbarn spüren. Das ist für mich Kultur. Alles andere ist ein Dilemma.

Kommen wir nun zum Widerspruch: Am 27. Juni 2020 um 20.15 Uhr lade auch ich euch digital aber nicht weniger herzlich zu „Titten Thesen Temperamente“ ein – live aus dem Fernsehgarten gestreamt von Atomino-TV. Zu Gast ist diesmal: Hochzeitsplanerin Jacqueline Exel – Die Verheirater.

Text: Gabi Reinhardt
Illustration: Christian Selent

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